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Vorwort 1/2017

Stell dir vor, es ist Kultur, und keiner geht hin...

Jeder geht seiner Arbeit nach. Morgens ins Geschäft, abends wieder raus. Essen in der Kantine oder beim Metzger um die Ecke. Tagein, tagaus die selben Gesichter. Mit Brille, ohne Brille. Rasiert, unrasiert. So viele Menschen ohne jeden Geschmack. Der Arbeitskollege Peter immer im Rollkragenpullover, was seit den 70er Jahren keiner mehr trägt, die Moni aus der Buchhaltung dramatisch overstylt. Wo sind wir denn? Sein Geld zeigen. iPhone kaufen. Auto kaufen. Haus kaufen. Hecke schneiden, Rasen mähen, Unkraut jäten, düngen und begradigen. Hinbiegen. Dachboden ausbessern, Dachschaden lassen. Ehemann anmeckern, Ehefrau ignorieren. Essen kochen, Spülmaschine ausräumen von gestern, Spülmaschine einräumen. An den nächsten Einkauf denken. Morgen. Den Kindern nicht die Wäsche hinterher räumen. Ich bin doch nicht blöd. Vielleicht noch Rotwein aufmachen. Den Guten. Sich was gönnen! Wie gestern und vorgestern. Zeitung lesen (ohne Kulturteil kein bisschen dünner als sonst), Prospekte sichten, Prospekt durchblättern, an Super-Angeboten hängenbleiben, Finger nass machen, Druckerfarbe schmecken - ä'! 1000 Tatort gucken, Pegida glotzen. Dran denken, dass man mal wieder die Gitarre raus holen könnte oder einen Ausflug machen. Dran denken, dass man zu wenig Geld für einen mehrwöchigen Urlaub in die Seychellen hat. Wie es mit dem Partner war, als die Kinder noch nicht auf der Welt waren; heute ist der Sex wie frostiger Schneeregen im Spätherbst. Dran denken, dass das Leben doch irgendwie kurz ist. Oder war. Oder sich endlos lange hinzieht. Oder dran denken, dass man mal einen Traum hatte, den man schon längst vergessen hat. Und dran denken, dass irgendetwas fehlt. In der Suppe. Nicht viel, ein bisschen was. Das Salz.

Kultur im Kloster - das ist das Salz.

Gruß

Ekke Scholz