Pfad:  home > programm > aktuelles vorwort > vorwort 1/2018

Vorwort Januar 2018

Liebe Besucherinnen und Besucher des Horber Klosters,

„Nichts geschieht in der Stadt. Alles geschieht auf dem Land. Die Stadt erzählt nur, was auf dem Land geschehen ist, es ist bereits auf dem Land geschehen. – so zitierte der Kulturwissenschaftler Eckart Frahm die Schriftstellerin Gertrude Stein (1874 – 1946)

Und ich denke: Ja, genau so ist es! Und erinnere mich an meine Dorf-Kindheit, wo es „natürlich“ den Dorfdeppen gab, den Kinderschreck Niggis und auch die „Bulldogge“, ein Mann, dessen Kieferfehlstellung ihn wie ein Vertreter jener Hunderasse aussehen ließ. Und es gab auch noch den Messerstecher.  Sie gehörten jedenfalls meist recht bald zu den üblichen Verdächtigen, wenn sich im Dorf etwas Seltsames ereignete. Hexenjagd reloaded.

Ihre augenfällige Andersartigkeit  oder ihre Taten wurden dann in Namen umgewandelt und sie erhielten  nun einen, der sie für immer stigmatisierte. Ihre Individualität wurde ihnen damit von der Gemeinschaft rüde genommen. Die wirklichen Namen jener Menschen weiß ich bis heute nicht.

Einmal aus dem dörflichen sozialen Gefüge raus gefallen, das hieß meist auch gnadenlos: Ab jetzt biste ein für allemal draußen. Den Begriff (Re)Sozialisation (Gläubige mögen es Barmherzigkeit nennen) kannte man auf dem Dorf so gut wie nicht; damals nicht und leider auch heute öfters noch nicht.

Doch jetzt nur ja nicht zu düster.

Denn da gibt es auch diesen wunderbaren Zusammenhalt und Gemeinschaftssinn  und dieses fröhliche Miteinander-feiern und -festen.  Und diese feine nachbarliche Hilfsbereitschaft, wovon Städter meist nur träumen. Als 1999 der Sturm „Lothar“ teilweise unser Haus abdeckte, klingelte der alte Vinzenz an der Tür: „Ich kann jetzt doch nicht einfach nur zugucken, wie es bei euch rein schneit!“ Und hatte zuvor schon aus irgendeiner Scheune passende Ziegel organisiert gehabt.

Abstempeln, Ausgrenzen, Stigmatisieren, sie  stehen auf dem Land jener ungekünstelten Fröhlichkeit und einem  schnellen, wohlwollenden Unter-die-Arme-greifen gegenüber,  es gab schon immer den kalten oder warmen sozialen Raum dort. Und dies meist ohne erkennbares Widerspruchsempfinden.

Aus diesem Grunde widmeten wir uns ganz bewusst bei den 19. Friedenstagen dem Thema Populismus, in all seinen Facetten und Auswirkungen. Denn in und um Horb herum, da gibt es das leider auch. Oder: Immer noch. Seit einiger Zeit sogar in den Gemeinderat hinein gewählt.

Wir vom PZ wollten hingegen aufzeigen, dass es auf dem Land durchaus auch anders zugehen kann. Menschlicher. Menschengemäßer. Wenn künftig Städte lebenswerter  sein sollen, dann wird vom Land der entsprechende Vorreiterimpuls kommen müssen, ganz „unverLandLust“. 

Die Avantgarde fand sich jedenfalls schon immer auf dem Land, sie hatte meist nur ihre Dependancen in der Stadt.  Es stimmt deshalb: „Nichts geschieht in der Stadt. Alles geschieht auf dem Land. Die Stadt erzählt nur, was auf dem Land geschehen ist…“.

Wir freuen uns jedenfalls schon auf eine fröhlich-menschenfreundliche Landpartie mit Ihnen im Horber Kloster und heißen Sie ganz herzlich willkommen!

Für das Projekt Zukunft-Team

Lizzy A. M. Schmid

Nach oben